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Leipzig, 1. September
Gegen den
Nazi-„Trauermarsch“
und gegen die nazistische Forderung nach Todesstrafe
Nachdem Leipziger Nazis und ihre angereisten Kameraden bereits zweimal — am Tag des Auffindens des Leichnams und am darauffolgenden Donnerstag — „Trauermärsche“ für die getötete Michelle inszenierten, soll am Montag (1. September) ein weiterer Aufmarsch stattfinden, diesmal im Stile einer „Montagsdemonstration“.
Beginn des Naziaufmarsches ist Montag, 18 Uhr. Die Route führt ab Martinstraße (Reudnitz) zum Innenstadtring/Augustusplatz.
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WAP-Ticker: http://ticker.hopto.org/
Ermittlungsausschuss (EA): 0341 - 2119313
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Bürgerbündnis-Kundgebung: Augustusplatz, 16 - 20 Uhr
Antifa-Kundgebung: Riebeckstraße Ecke Täubchenweg, 17 - 23 Uhr
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Bewegt euch in Gruppen! Keine Gerüchte, kein Gequatsche! Achtet auf weitere Ankündigungen!
Wir rufen hiermit zu dezentralen Gegenaktionen auf!
Zugleich sind wir uns bewusst, dass es sich um einen problematischen Anlass handelt. Wir sehen uns nicht unter Rechtfertigungsdruck, was den Umgang mit Naziaufmärschen angeht - wir werden gegen nationalsozialistische Agitation niemals untätig bleiben. Aber wir wollen betonen, dass wir ebenso niemals die Antastung von Menschenleben, egal in welcher Weise, befürworten werden oder darüber schweigen könnten - und dass uns die Ermordung von Michelle insofern betroffen macht.
Über was sich jedoch streiten lässt, ist der Ursprung und der Umgang mit der eigenen Betroffenheit. Uns befremdet nicht einfach der Gedanke, dass eine individuelle Anteilnahme überhaupt einer öffentlichen Massendarstellung bedarf; wir kritisieren, dass „Mahnwachen“ sogleich, wie in Leipzig jüngst mehrfach geschehen, zur Inszenierungsmöglichkeit einer ausgesprochen widerlichen Mehrheitsmeinung wird. Die beinhaltet dann nicht mehr nur eine Unmutsbekundung über die Tat, sondern gleich den Aufruf zur nächsten Tötung, nämlich der des Täters. Mit Empathie hat diese „Trauer“ nichts zu tun. Solche Wut gewordene Trauer ist nur der moralische Titel, unter dem Parolen wie „Todesstrafe für Kinderschänder“ vorgetragen werden und Zustimmung finden - nicht im Interesse des „Schutzes“ von Kindern, sondern zur Erfüllung von Vergeltung und Rache.
Gerade deshalb war das Gemisch von Nazis und BürgerInnen auf den beiden „Trauermärschen“ nicht ungewöhnlich, sondern leider folgerichtig. Schon vor dem Auffinden der Leiche hatten die „Freien Kräfte“ Bürgerwehren ins Feld geschickt, um selbsttätig nach Opfer und Täter zu fahnden, um im Ernstfall auch selbst aburteilen und vollstrecken zu können. Im Reflex auf den Einzelfall machen sie den individuellen Täter zum allgemeinen und abstrakten Volksfeind, der erst verschwindet, wenn er getilgt ist - weswegen die Anwendung härterer Mittel, schnelleren Zugriffs und und höherer Strafen empfohlen wird. Dabei ignorieren sie nicht nur den ins Auge springenden Widerspruch ihrer Forderung: Ein Täter wird bei seiner Tat prinzipiell davon ausgehen, nicht geschnappt und verurteilt zu werden, weshalb die Strafhöhe keine Verhinderung einer Tat bedeutet. Auch wird damit die Einsicht ausgelassen, dass das Problem nicht einfach auf dem Delinquententum Einzelner beruht, sondern wesentlich den durch und durch „legalen“ Zuständen einer Gesellschaft geschuldet ist, die so viele Härten kennt und produziert, dass auch die Ermordung von Kindern denkbar wird und tatsächlich vorkommt. Stattdessen wird bezüglich der angeblichen Bedrohungssituation und eines vermeintlichen staatlichen Versagens ein Zerrbild von der Umwelt gepflegt, das mit der Realität rein garnichts gemein hat.
Weil Faschismus eine Radikalisierung des Zugriffs auf das Leben und das Individuum samt seinen Interessen und Bedürfnissen bedeutet, ignorieren solche BewohnerInnen von Reudnitz und anderswo nicht einfach, dass unter dem Transparent „Todesstrafe für Kinderschänder“ auch die Formel „Nationaler Sozialismus, jetzt“ auftaucht - sie billigen dieses Ideologieangebot, das ihrer reinen Wut ins Politische verhilft. Die BürgerInnen treibt keine selbst auferlegte Schizophrenie, mit denen zusammen zu marschieren, deren Vorbilder zigtausende Kinder erschossen, vergast oder verhungern lassen haben. Nein: Das Naziprogramm ist die zum politischen Mittel gewordene Raserei wütend-enttäuschter BürgerInnen. Über den Zweck, das nationale Gemeinwohl, müssen BürgerInnen mit Nazis sowieso nicht streiten. Wer sich in einen Zug von halbuniformierten Fackel- und FahnenträgerInnen und ihren verhetzten FreundInnen einreiht, ist nicht etwa schlecht informiert oder hat sich durch Istvan Repaczkis dümmliche bis alberne Ansprachen manipulieren lassen, sondern ist selbst Funktionär in Sachen nationalsozialistischer Agitation.
Ähnliche Manöver fuhren Nazis schon im Falle des getöteten Mitja H. vor anderthalb Jahren. Jetzt haben sie eine Basis gefunden - im Leipziger Osten. Die müssen sie nicht „instrumentalisieren“, sondern können sie als BündnispartnerInnen auf die Straße rufen. Und die Nazis geben sich Mühe, dass das so bleibt: Sie melden die Trauermärsche gleich selber an. Hinter der Trauer auf einem solchen Trauermarsch steckt dann das Gegenteil: die Menschenverachtung, der Ruf nach einer Fortsetzung der Beschädigung des Lebens
Besonders vor dem Hintergrund des realen Falles und des realen Trauerns und Bedauerns verdient die Nachfrage nach und das Angebot an Naziideologie unsere eindeutige antifaschistische Antwort.
Wer das Leben beleidigt ist dumm oder schlecht
29. August 2008 |
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